Fall und Aufstieg der Austria zu Salzburg – Ein modernes Fußballmärchen

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Der SV Austria Salzburg ist ein Verein, den es eigentlich gar nicht mehr geben sollte. Eine Geschichte über den Niedergang, große Liebe und einen bemerkenswerten Aufstieg.

Es war einmal ein Verein, der besiegte der Reihe nach Dunajská Streda, Royal Antwerpen, Sporting Lissabon, und im Viertel- und Halbfinale schaltete er den Karlsruher SC sowie Eintracht Frankfurt aus. Im Finale des UEFA-Cups scheiterte dieser Klub zwar an Inter Mailand, doch nach dem Gewinn der Österreichischen Meisterschaft im Jahr 1993/94 durfte er nur wenige Monate später gegen Titelverteidiger AC Mailand in der großen Champions League mitspielen. Bei diesem Verein, dreimaliger Meister in Österreich und nur einer von drei österreichischen Vereinen in einem Europapokal-Endspiel, handelt es sich um den SV Austria Salzburg.

Gut eine Dekade später war vom Glanz einstiger Europapokalnächte nicht mehr viel übrig geblieben. Die Austria pendelte sportlich irgendwo zwischen Mittelfeld und Tabellenkeller, finanziell sah es noch düsterer aus. Ein potenter Geldgeber musste her, das war zu diesem Zeitpunkt allen klar. Und plötzlich kam da jemand. Sogar ein Salzburger Unternehmen, wie kann es besser sein? Dietrich Mateschitz entschied sich im Frühjahr 2005, mit seinem Brausehersteller Red Bull bei Austria Salzburg einzusteigen. „Bei 95 Prozent der Leute herrschte zunächst große Euphorie. Solange wir zur Austria gehen, hat es schon immer einen Namenssponsor gegeben. Und ob wir jetzt Casino Salzburg oder Wüstenrot Salzburg heißen, wie in den Achtzigern und Neunzigern, oder jetzt eben Red Bull, das war uns vollkommen egal“, erinnert sich David Rettenbacher zurück.

Das Ende der Viola

Am 13. Juni kam es dann zur Präsentation der neuen Trikots für die Spielzeit 2005/06 in Red Bulls Hangar-7. Und zum Entsetzen aller Austrianer waren die Farben: Rot-Weiß. Egal welchen Namen die Austria in ihrer lange Geschichte hatte, die Trikots waren immer Violett-Weiß, nichts anderes kannte die große Anhängerschaft dieses Traditionsvereins. „Das war ein Schlag ins Gesicht. Wir haben natürlich versucht mit den neuen Verantwortlichen zu reden und haben in den ersten Spielen der neuen Saison viel Werbung für unsere Farben gemacht. Doch eigentlich war klar, dass Red Bull nur auf Zeit spielen will.“ Der einzige Vorschlag des neuen Inhabers war es, die Stutzen des Torwarts, das kleine Ausrüsterlogo auf der Brust und die Kapitänsbinde in Violett zu halten. „Da war für uns klar, das hat nichts mehr mit der Austria zu tun.“

Bis September 2005 blieben die Austrianer ihrem Verein treu, der allerdings gar mit mehr ihrer war. Mit der Initiative Violett-Weiß und vielen Aktionen im Stadion versuchten sie, auch die „normalen Zuschauer“ mit ins Boot zu holen. Doch diese freuten sich über den neuen sportlichen Erfolg und sahen in der aktiven Fanszene einen Haufen Ewiggestrige, die den neuen Eigentümer am Ende womöglich noch vertreiben. Die Violetten wurden gegen Ende sogar im eigenen Stadion mit Bierbechern beworfen. Im Gegensatz dazu kamen aus ganz Europa Solidaritätsbekundungen, sogar die verfeindeten Fankurven in Österreich schlossen sich an. Doch es half nichts, Red Bull zog sein Ding mit dem neuen Verein durch und die Violetten kehrten den Rot-Weißen den Rücken.

Ohne Spieler, ohne Ball – aber mit den besten Fans der Stadt

Nach einer kurzen Partnerschaft mit dem PSV/SW Salzburg in der Rückrunde der Spielzeit 2005/06 gründete die Anhängerschaft den Verein neu und nahm unter dem alten und neuen Namen SV Austria Salzburg zur kommenden Saison wieder am Spielbetrieb teil – in der letzten österreichischen Liga. Der damalige und heutige Sportdirektor Gerhard Stöger, den die Fans schnell wieder ins Boot holten, erinnert sich: „Wir hatten keinen Ball, keine Spieler, kein Markierungsleibchen. Wir mussten zur neuen Saison einen Kader beim Verband melden und auf der Spielerliste standen einfache Fans, die wohl noch nie in ihrem Leben ein richtiges Fußballspiel bestritten hatten.“

Im Laufe des Sommers fanden sich dennoch einige arrivierte Spieler, die mit der Austria den Gang in die Niederungen des österreichischen Fußballs antraten. Ganz zu schweigen von den Fans, die ihr Team in großer Zahl unterstützten. „Man muss sich das so vorstellen: Du spielst in Gemeinden wie Mattsee oder Michaelbeuern, die insgesamt weniger Einwohner haben als wir Anhänger zum Auswärtsspiel mitbringen. Die hatten eine Fankulisse, die sie sonst in drei Jahren nicht haben. Letztendlich war es das Genialste, was wir hätten machen können und ich muss unseren Fans ein großes Kompliment aussprechen, dass sie diesen schweren Weg mitgegangen sind“, sagt ein noch immer begeisterter Gerhard Stöger weiter.

Aufstieg, Aufstieg, Aufstieg, Aufstieg

Was dann geschah war unglaublich: In den folgenden vier Spielzeiten stieg die Austria vier Mal auf, aus der Salzburger 2. Klasse ging es geradewegs in die drittklassige Regionalliga West. Dies war nur möglich, weil die Verantwortlichen um Gerhard Stöger schon im ersten Jahr eine Mannschaft zusammenstellten, die nicht für die letzte oder vorletzte Klasse konzipiert war, sondern deutlich mehr Qualität besaß.

Einige der Akteure gingen den gesamten Weg bis in die Regionalliga mit, denn die Austria stand für Zusammenhalt und gute Stimmung. „Die Spieler nehmen diese besonderen Erinnerungen mit ins Grab und werden wahrscheinlich noch ihren Enkeln davon erzählen.“ Sogar im ersten Regionalliga-Jahr wäre mit ein paar Neuverpflichtungen im Winter der fünfte Aufstieg in Serie drin gewesen, doch es siegte diesmal die Vernunft, wie Stöger weiter ausführt: „Wir mussten einfach den Anker werfen. Sportlich galoppierten wir davon, doch das Umfeld konnte einfach nicht in diesem Tempo mitziehen.“

Die Fans der Austria feiern die Regionalliga-Meisterschaft 2014
Die Fans der Austria feiern die Regionalliga-Meisterschaft 2014

Nach vier Jahren und drei Triumphen im Landescup wurde der SV Austria Salzburg in der vergangenen Saison 2013/14 schließlich auch in der Regionalliga West Meister. Doch weil auch der österreichische Fußball so seine Tücken hat, mussten die Meister der Staffeln West und Ost den zweiten Aufstiegsplatz in einer Relegation unter sich ausmachen, der direkte Aufstieg in die Zweitklassigkeit blieb der Austria verwehrt. Gegen den Floridsdorfer AC verloren die Violett-Weißen aber knapp und müssen daher ein weiteres Jahr in der Regionalliga um den Titel kämpfen. Doch das Gute: gelingt dem Verein in dieser Spielzeit erneut der Titelgewinn, darf er ohne Relegation in die zweitklassige Erste Liga aufsteigen.

Austria Salzburg – ein traditionsreicher Verein, den es vor genau zehn Jahren nicht mehr gab. Auferstanden und mit der Liebe und Unterstützung der Fans aus den Niederungen des Fußball emporgestiegen. Auch dank Männern und Frauen wie David Rettenbacher, der sich selbst als „Mädchen für alles“ bezeichnet, da er Mitglied von Union Ultrà und Obmann für „Heimat für die Austria“ ist, an Spieltagen Tickets verkauft sowie oftmals auch die Toilettenrollen wechselt. Nach einem Jahrzehnt klopft dieser Verein nun an die Tür des Profifußballs. Ein modernes Fußballmärchen eben. Und weil sie partout nicht sterben wollten, spielen sie heute einfach weiter.

In Teil 2 über die Salzburger Austria geht es um den aktuellen Höhenflug, Schwierigkeiten mit der Lizenz und die Verpflichtung eines Startrainers.

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