Medientage München 2015: „Das Fernsehen hat über das Internet gesiegt“

Thomas Gottschalk moderierte den
Thomas Gottschalk moderierte den „TV-Gipfel“ zu Beginn der Medientage

Die 29. Münchner Medientage sind Geschichte. Drei Tage lang wurde unter dem Motto „Digitale Disruption – Medienzukunft erfolgreich gestalten“ diskutiert, debattiert und teils auch gestritten. Der Tenor: Es wird sich viel verändern, es rollen spannende Zeiten auf uns zu, aber es wird auch nicht so schlimm, wie viele voraussagen. Gerade das Fernsehen sieht sich weiter als das Medium der Zukunft.

Überall wird nach dem Ende vom Print auch das Ende des Fernsehens vorausgesagt. Das Internet ist das große Ding der Gegenwart – und natürlich erst Recht der Zukunft. Vor allem bei den jüngeren Zuschauern überwiegt die non-lineare Nutzung. Dienste wie Netflix und Amazon Prime sind immens erfolgreich, auch die Mediatheken der klassischen Fernsehsender werden immer beliebter.

Doch dann sitzt Werner Starz am Donnerstagvormittag auf dem Podium der Medientage. Starz ist Director Product Development Eurosport bei Discovery Channel. Ein herrlicher Titel. Sagen wir einfach: Werner Starz weiß, wovon er redet, wenn es um das Fernsehen geht. Und er sagt:

Das Fernsehen hat über das Internet gesiegt

24 Stunden zuvor: Thomas Gottschalk eröffnet die Medientage München 2015. Es geht um die „Digitale Disruption“, also um nicht weniger als die Zerreißung oder Zerstörung der aktuellen Medienwelt. Zunächst beweist Gottschalk auf dieser Eröffnungsveranstaltung einmal mal, dass er der geborene Entertainer ist. Humoristisch, pointiert moderiert er Redner an und ab, stellt in den richtigen Moment die richtigen Fragen. Denn Thomas Gottschalk ist nicht nur Entertainer, sondern auch ein ausgewiesener Fachmann der Medien- und speziell der Fernsehbranche.

Die Keynote bei der Eröffnung hält Miriam Meckel. Die Chefredakteurin der WirtschaftsWoche betritt die Bühne und macht mit ihrem Handy ein Foto vom Publikum, das zumeist aus Anzugträgern besteht, um zu sehen, „wie 22 Prozent Frauenquote aussehen“. So hoch war in diesem Jahr der Frauenanteil auf den verschiedensten Podien der Medientage. Es ist allerdings nicht nur diese Einlage, die Meckels Rede in Erinnerung bleiben lässt. Eloquent warnt sie vor den Problemen, die viele werbebasierte Geschäftsmodelle aktuell haben. Diese vergraulen und erschlagen mit aggressiver Werbung ihr höchstes Gut: ihre Leserschaft.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Auch der anschließende TV-Gipfel ist hochkarätig besetzt. ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler, Constantin-Vorstand Fred Kogl, ProSiebenSat.1-Geschäftsführer Wolfgang Link und Sky-CEO Carsten Schmidt diskutieren mit Jay Marine, Vizepräsident von Amazon Instant Video EU und Kelly Day, Chief Digital Officer von AwesomenessTV. Auf der Bühne sitzt damit das alte neben dem neuen Fernsehen.

Probleme? Gibt es nicht. Jeder für sich ist zufrieden mit dem Hier und Jetzt, die Zukunft verspricht für alle nur Gutes. Vor allem die Vertreter des klassischen, linearen Fernsehens zeigen keinerlei Ängste vor den neuen, kreativen Mitbewerben jenseits des Atlantiks. Frei nach dem Motto: „Ich male mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Leider möchte Thomas Gottschalk seine Mitdiskutanten augenscheinlich nicht provozieren, sondern legt ihnen die Schönmalerei sogar noch in den Mund. Die Kandidaten dürfen auf die These antworten „Warum ich unbesorgt bin und freudig“.

„Die Öffentlich-Rechtlichen haben ein Griechenland-Problem“

Deutlich interessanter wird es am Nachmittag beim Thema Rundfunkbeitrag. Es spitzt sich vor allem auf das Duell zwischen Michael Hanfeld und Lutz Marmor zu. Ersterer bekleidet die Online-Ressortleitung der F.A.Z., Marmor ist Vorsitzender der ARD und Intendant des NDR. Hanfeld beschreibt die öffentlich-rechtlichen Sender in seiner Keynote als eine Art Geldverbrennungsmaschine. Wahnwitzige Summen bei den Sportrechten, eine unglaublich große Mitarbeiterschaft und immens hohe Betriebsrenten. „Insbesondere aufgrund der Altersvorsorge scheinen mir die Öffentlich-Rechtlichen ein echtes Griechenland-Problem zu haben.“

Das sitzt natürlich, besonders bei den Vertretern der ARD. Marmor will die Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen und greift sowohl Hanfeld als auch Heinz Fischer-Heidlberger, Vorsitzender der KEF, häufig an. Es ist ein unterhaltsames Nachmittagsprogramm, mit vielen richtigen und logischen Argumenten auf beiden Seiten. Das Publikum ist dagegen nicht so ausgewogen ausgesucht wie die Akteure auf der Bühne. Dort sitzen zumeist Vertreter der öffentlich-rechtlichen Anstalten, was sich an den Reaktionen deutlich ablesen lässt.

Das abschließende Panel des Bayerischen Rundfunks („Ziemlich beste Freunde? Wie die Öffentlich-Rechtlichen junge Zielgruppe im Netz erreichen wollen“) verlief etwas enttäuschend. Wirklich greifbare Ideen wurden leider nicht so recht vorgestellt, es wurde zumeist an der Oberfläche der Thematik gekratzt. Der Lichtblick der Diskussion war ein Zitat von Philipp Walulis, der von BR-Moderatorin Alina Fichter gefragt wurde, wie sein erstes Mal im Hauptprogramm der ARD ablief. Seine Antwort: „Das Erste ist die föderalistische Variante von ‚Game of Thrones'“.

Mehr Medienkonsum dank autonom fahrender Autos

Der Donnerstag beginnt dann mit diesem herrlichen Satz von Werner Starz. „Das Fernsehen hat über das Internet gesiegt.“ Man sollte es sich kurz auf der Zunge zergehen lassen. Starz meint damit, dass es nicht Internetanbieter sind, die das Fernsehen verdrängen. Netflix, Amazon und Co. bieten im Gegenteil klassisches Fernsehprogramm an, nur der Ausspielungsweg über das Netz ist ein anderer als bei den meisten klassischen Sendern.

Sehr interessant sind in diesem Panel auch die Ausführungen von Andreas Steinle. Der Zukunftsforscher sagt voraus, dass das autonome Fahren, welches in den kommenden fünf bis 15 Jahren immer mehr in die Gesellschaft dringt, eine große Chance für die Medienhäuser bietet. Durchschnittlich anderthalb Stunden pro Tag im Auto bedeuten dann nämlich anderthalb Stunden mehr Medienkonsum.

Werner Starz, Discovery Communications
Werner Starz, Discovery Communications

Für uns persönlich bliebt aber vor allem das Ende des Tages in Erinnerung. Im MedienCampus-Areal hielt Fabian Siegismund den Vortrag ‚Erfolgreiche YouTube-Videos‘. Sebastian und ich waren mit unseren 26 Jahren gefühlt die ältesten Zuhörer im Publikum und Sebastian meinte nachher nur: „Ich glaube, wir sind zu alt für dieses YouTube“. Direkt danach ging es weiter zu einem Panel mit dem Titel ‚Paradigmenwechsel! Wie sich die Radiowelt neu sortiert‘. Dort waren wir beiden mit einer weiteren Mitstreiterin in den Zwanzigern die mit Abstand jüngsten Zuhörer, selbst der Anteil der Unter-Fünfzigjährigen war sehr gering.

Es ist sehr schade, wie sehr die Vorurteile vom jungen Internet und von den alten Medien Radio und Fernsehen teils zutreffen. Alle drei Plattformen bieten für Jung und Alt so viele Möglichkeiten und sollten eher Hand in Hand gehen, statt einzeln und gesondert betrachtet zu werden. Vielleicht wäre dies die größte Disruption der Medienlandschaft.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s