FIFA: Scheich oder Kugelmann

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Am Freitag wird ein neuer FIFA-Präsident gewählt. Fünf Kandidaten wollen Nachfolger des ewigen Fußball-Herrschers Sepp Blatter werden. Gute Aussichten haben nur zwei von ihnen: ein altbekannter Europäer und ein zweifelhafter Scheich.

6331 Tage. Vom 8. Juni 1998 bis zum 8. Oktober 2015. So lange währte die Ära Sepp Blatter auf dem Thron des Weltfußballverbandes FIFA. Man könnte auch sagen: 17 Jahre und vier Monate oder 904 Wochen und drei Tage. Am Freitag wird in Zürich ein neuer FIFA-Präsident gewählt. Er wird nicht Sepp Blatter heißen. Der wollte nach seinem Anfang Juni überraschend angekündigten Rücktritt die Zeit bis zum außerordentlichen FIFA-Kongress immerhin dafür nutzen, um seine Nachfolge nach seinen Vorstellungen zu regeln. Um dann selbst den Kongress zu leiten und schließlich durch die Vordertür hinauszugehen, am liebsten als Ehrenpräsident.

So ganz nach Blatters Vorstellungen gingen die vergangenen gut acht Monate nicht vonstatten. Wegen einer ungeklärten Zwei-Millionen-Franken-Zahlung aus dem Jahr 2011 an den einstigen UEFA-Präsidenten Michel Platini wurden beide Topfunktionäre erst für 90 Tage suspendiert, später dann für acht Jahre für alle Funktionen im Fußball gesperrt. Ein schwerer Schlag, beide dürfen nicht am so wichtigen Kongress teilnehmen. Und dennoch könnte dieser Freitag für Blatter und seine Getreuen ein erfolgreicher Tag werden. Denn der Nachfolger wird weiterhin ein Mann des Systems sein.

Fünf Kandidaten stehen in Zürich zur Wahl. Drei gelten dabei als krasse Außenseiter: Tokyo Sexwale, der einstige Anti-Apartheit-Aktivist aus Südafrika, wird ebenso wenig neuer Präsident werden wie der damalige stellvertretende FIFA-Generalsekretär Jérôme Champagne. Auch Prinz Ali bin al-Hussein wird letztlich das Nachsehen haben, wie schon Ende Mai 2015, als er der einzige Gegenkandidat bei Sepp Blatters letzter Wiederwahl war – wenngleich ihm nun 20 bis 25 Stimmen zugerechnet werden.

Mit dicken Taschen um die Welt

Bleiben nur noch zwei. Der Schweizer Gianni Infantino dürfte den meisten Fußballfans ein Begriff sein. Wem der Name nichts sagt: es ist der glatzköpfige Typ, der immer die Auslosungen in Champions League und Europa League leitet. Der amtierende UEFA-Generalsekretär kommt aus Brig im Wallis. Einem Dorf, nur zehn Kilometer entfernt von Blatters Heimatort Visp. Aber nicht Blatter war Infantinos Mentor, sondern Michel Platini. Der ehemalige Weltklassespieler und UEFA-Präsident ist Infantinos väterlicher Freund und Pate eines seiner vier Kinder. Der Plan: nach Platinis Sprung auf den FIFA-Thron sollte Infantino ihm als UEFA-Präsident nachfolgen. Doch die Rechnung ging nicht auf, Platini wurde gesperrt und Infantino muss für seinen einstigen Chef auf FIFA-Ebene in die Bresche springen – als einziger europäischer Kandidat.

Im Gegensatz zu seinen vier Konkurrenten muss Infantino seinen Wahlkampf nicht aus eigener Tasche zahlen. Die UEFA stellt ihm hierfür netterweise eine halbe Million Euro Budget zur Verfügung. Dazu ein Flugzeug für Stippvisiten in Ruanda und anderen Fußballhochburgen sowie eine perfekt durchgeplante Strategie durch die britische Agentur Vero, die schon Katar den Weg zur Weltmeisterschaft 2022 ebneten. Dazu gehört etwa die geplante Aufstockung der Weltmeisterschaften von derzeit 32 auf 40 Teams. So macht man sich beliebt bei den kleinen Verbänden. Wirkliche Visionen können allerdings nicht erwartet werden.

Keine Menschenrechte? Kein Problem!

Wer den Wahlkampf des zweiten Mitfavoriten zahlt, ist nicht bekannt. Doch auch wenn es die eigene Tasche wäre, Scheich Salman bin Ibrahim al-Khalifa dürfte das ziemlich egal sein. Er ist Mitglied der königlichen Familie Bahrains und seit 2013 Präsident des Asien-Verbandes AFC. Lange Zeit war ungewiss, ob Salman den Integritätscheck des FIFA-Wahlkomitees bestehen würde. Der 50-Jährige war Präsident der Bahrain Football Association, als 2011 die Pro-Demokratie-Proteste in seiner Heimat blutig niedergeschlagen wurde. Hunderte Menschen kamen in Haft, darunter auch 150 Fußballer, Trainer, Schiedsrichter und andere Sportler. Für eine Involvierung Salmans konnte das Wahlkomitee keine Beweise finden, obwohl dutzende Sportler ihn belasten. Die Anschuldigungen und ein fader Beigeschmack bleiben also.

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In der Zwischenzeit sammelt Scheich Salman fleißig Stimmen. Die meisten der 47 asiatischen Stimmen dürften ihm sicher sein, nur ein paar Abtrünnige wie Jordanien, Iran, China, Japan oder Südkorea werden wohl für Infantino stimmen. Zusätzlich hat Salman in seiner Funktion als AFC-Chef einen Kooperationsvertrag mit der afrikanischen Föderation CAF geschlossen. Dabei geht es um eine gegenseitige Unterstützung bei der möglichen Ausrichtung künftiger Fußballturniere und andere Hilfen. Ein Großteil der 54 CAF-Stimmen dürfte zufälligerweise auch an Salman gehen.

Infantino kann aktuell wohl auf fast alle 53 europäischen Wahlberechtigten zählen, dazu werden die meisten Stimmen der Amerika-Verbände CONCACAF (35) und CONMEBOL (10) auf den Schweizer entfallen. Diese knapp 90 Stimmen werden mit den Salman-Gegnern aus Asien und Afrika sowie den meisten Vertretern aus Ozeanien ergänzt. Er selbst spricht davon, schon 105 Stimmen sicher zu haben. Bei insgesamt 209 wahlberechtigen Verbandsvertreten wäre das die Mehrheit – und die Präsidentschaft für Infantino.

Doch wie auch immer es ausgehen wird: der neue starke Mann im Weltfußball wird ab dem kommenden Wochenende entweder ein Scheich sein oder der Mann der Loskugeln. Und beide stehen nicht gerade für einen Neuanfang.

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